Die Sinne des Pferdes und des Menschen

stehen mit ihrer Umwelt zu jeder Zeit in Kontakt. Von Anbeginn des Lebens strömen die Reize auf uns ein. Schon im Mutterleib erlebt das Foetus lernend die Umwelt über seine Sinne. Ob wir schlafen, ob wir wachen, unsere Sinne sind darauf ausgerichtet, unsere Welt wahrzunehmen, zu verstehen und in ihr zu leben. Jeder Sinn verfügt über seine eigenen Stärke und Fähigkeit. Er nimmt die Umwelt auf seine Weise wahr, Hörend, Sehend, Fühlend, je nachdem. Das Gehirn verknüpft diese Wahrnehmung mit Ruhe oder Aufregung. Danach richtet sich sein und somit unser Verhalten aus.

Als Beispiel:

Wir sind mit dem Pferd an einer Straße unterwegs, geritten, spazierengehend, egal.
Das Auge warnt uns! Da vorne steht eine Mülltonne. Das kann Gefahr bedeuten, denn wir haben vielleicht gelernt, das Pferde sich davor erschrecken können. Entsprechend dieser Sinneswahrnehmung und der Bewertung dieser Wahrnehmung durch das Gehirn fangen wir an, Vorkehrungen zu treffen. Wir verspannen und richten unsere gesamte Aufmerksamkeit auf die Tonne; wir fixieren sie, vielleicht können wir auch riechen, das sie (noch) nicht geleert worden ist. Somit droht sogar die zusätzliche Gefahr, dem Müllwagen zu begegnen.
Das berühmte Kopfkino beginnt.
Aus Vorsicht nehmen wir die Zügel deutlich auf, wir starren auf die Tonne und beginnen,nervös zu werden, kurz, wir machen damit auch das Pferd auf eine drohende Gefahr aufmerksam, die es vielleicht bisher gar nicht als solche erkannt hat. Wir wissen, wie unser Pferd auf Gefahr reagiert und wollen diese Reaktion im Vorfeld verhindern. Unser Verhalten löst aber gerade die (unerwünschte) Reaktion aus. Wir "wissen" nun, das das Pferd vor Mülltonnen scheut, haben aber unter Stress nicht erkennenkönnen, das wir einen erheblichen Anteil an dieser Reaktion hatten.
Unsere Sinne haben einen Impuls erhalten, diese werden im Gehirn mit den Erfahrungen abgegelichen, um die entsprechenden Reaktionen einzuleiten.
Das ist ein Teufelskreis, der durch den Menschen aber natürlich auch durch das Pferd losgetreten werden kann.

Sie sehen: unser Gehirn verarbeitet

und bewertet einen Sinneseindruck nach dem, was es irgendwann einmal dazu gelernt hat. Verbinden wir mit der Tonne eine negative Erfahrungen, werden wir entsprechend reagieren, wir greifen auf stressbewältigende Verhaltensweisen zurück, indem wir schon im Vorfeld Massnahmen ergreifen, um der Gefahr, die wir erwarten, begegnen zu können. Wir achten aber nicht darauf, das das Pferd vielleicht bis eben noch völlig entspannt war und es vielleicht auch geblieben wäre, wenn wir da oben nicht schon so reagiert hätten. Die Erfahrung der Vergangenheit übertragen wir auf die vermeintliche Gefahr der Gegenwart und agieren so wie "damals".
Wir halten das, was wir über die Tonne erfahren und gelernt haben für WAHR.
Das kann zu einem Problem werden, denn wir richten uns nach unserer Wahrheit. Andere Menschen oder andere Pferde richten sich nach ihren Wahrheit.
Wahrheit liegt immer in den Sinnen des Individuums
Wenn wir unter Stress stehen, handeln wir nach unserer Wahrheit und vergessen die Optionen von anderen Möglichkeiten, die auch wahr sind aber nicht wahrgenommen werden.

Das Pferd als Fluchttier

Es agiert seine Sinneseindrücke direkt aus. Wenn es in der Tonne Gefahr erkennt, wird es noch vor uns reagieren, und der Gefahr durch Flucht, Scheuen, Verweigern oder Erstarren begegnen und entgehen wollen. Die Sinne eines Pferdes sind deutlich stärker auf vermeintliche Gefahrenquellen ausgerichtet; je mehr Stress seine Sinne belasten, desto schneller und heftiger wird es reagieren. Diese innere Anspannung erschwert uns den Umgang und das MITeinander. Stress vernebelt den klaren Verstand. Bedenken wir, das auch das Pferd seine Welt über seine Sinne kennen gelernt und aus diesen Erfahrungen heraus Lektionen für sein Leben gelernt hat, die es für wahr hält.

Lebenserfahrungen müssen kein Geheimnis bleiben

Wir kennen selten die ganze Lebensgeschichte eines Pferdes. Wir kennen jedoch die Auswirkungen seiner Vergangenheit auf unsere gelebte Gegenwart mit dem Pferd. Wir wissen meist nicht, welcher der Sinne unter zu starke Anspannung geraten.
Wir Menschen haben aber die wunderbare Möglichkeit, über den sanften kinesiologischen Muskeltest etwas über die Welt unseres Pferdes und seine Realitäten zu erfahren. Wir können den beteiligten Sinn austesten und somit herausfinden, welches Elemück (link), ihn zu der Anspannung bringt.
Noch besser ist aber die Tatsache, das wir auch herausfinden können, WAS die Lösung ist, wie wir wieder zu innerer Losgelassenheit kommen können, Mensch und Pferd:
Dann ändert sich unsere Wahrheit, denn das vormals Schreckliche kann seinen Schrecken verlieren, wenn wir es anders wahrnehmen können!
Losgelassenheit im MITeinander ist keine Utopie!

 

Für Mensch und das Pferd gilt: Das, was wir über unsere Sinne wahrnehmen, halten wir für wahr und reagieren dementsprechend.

 

Der kleine Unterschied

Auch wenn Mensch und Pferd über die gleichen Sinne verfügen, gibt es doch gravierende Unterschiede:
Jede Spezies wertet die gleiche Wahnehmung anders. Der Mensch als Jäger und mit seiner intellektuellen Leistung der Sprache und reflektivem Denkens, bewertet die Mülltonne anders als das Beute- und somit Fluchttier Pferd. Natürlich wissen wir, das von einer Mülltonne keine Gefahr ausgeht. Wir wissen, das Pferde scheuen können, das wollen wir eigentlich verhindern.
Wir wissen auch nicht, ob und mit welchem Sinn das Pferd die Mülltonne als Gefahr wertet, wir wissen nur, das es auf drohende Gefahren u.U. mit seinem stressbewältigenden Verhaltensmuster reagiert.

Unterschiedliche Wahrnehmung einer Situation

Ein weiterer Unterschied ist die Hirarchie der Sinne. Während der Mensch ein Augentier ist, ist das Pferd eher auf Riechen und Schmecken eingestellt. Dies ist für sein Überleben als Beutetier wichtiger. Der Mensch als Jäger muss die Beute früher erkennen, um sie jagen, erlegen und somit selber überleben zu können.

Diese unterschiedliche Gewichtung der Sinne und ihrer Wahrnehmung lassen Mensch und Pferd schon unterschiedliche Schlüsse im Erleben einer Situation fassen. Deshalb lauern viele Missverständnisse im gemeinsamen Leben allein schon über die Sinneswahrnehmung, deren Bewertung und Schlussfolgerung. Diese Missverständnisse führen zu weiteren Missverständnissen. Eine Spirale der Missverständnisse nach unten kann so entstehen. Wenn das Gefühl besteht, das die "Chemie " nicht stimmt. So lange, bis wir erkennen, das wir für eine wortwörtliche Entspannung sorgen sollten, um etwas verändern zu können. Das Pferd wird die Gelegenheit einer Veränderung zum Positiven "freudig" ergreifen, denn es fühlt sich unter Stress noch angespannter als wir Menschen. Ein Pferd unter Stress reagiert noch heftiger und schneller als der Mensch, der seine intellektuellen Fähigkeiten zu Hilfe nehmen könnte, um sich selber zu beruhigen.

Ein Pferd lässt Stress besser und schneller los, als der Mensch, denn was weg ist, hält es nicht fest.

 

Lesen Sie gerne mehr

über die Sinne der Pferde und uns Menschen, es ist eine spannende Reise!

Über meine Texte zu den Sinnen habe ich folgende Quellen genutzt:

Stephan Frings u. Frank Müller: "Biologie der Sinne", Springer-Verlag 2014
Eigenes Schulwissen, Gespräche mit Biologen und Pferdeleuten

 

passende eaSenses Blogeinträge

Reiten mit den Sinnen