Die Epiphysenfugen-Gefahr oder nicht?

von Ulrike Lohmann (Kommentare: 0)

Sind Reiter, die früher aufsteigen verantwortungslos?

Schädigt gutes Reiten die Epiphysenfugen?

Um sich nicht nur auf solch ein Bild einzuschießen, habe ich Anatomiebücher für Menschen und Pferde gewälzt. Ich will verstehen, worum es wirklich geht. Irgendwie hatte ich auch keinerlei Vorstellungen, WO die Wachstumsfuge an den Wirbelkörpern nun sitzt.
Einige Anatomiebücher haben sich da auch weise ausgeschwiegen, ebenso schwieg das Internet auf mein flehentliches Suchen hin. Ein Anatomiebuch hat es dann aber in einem lapidaren Nebensatz erklärt.

Folgender Abriss besteht bestimmt vor keinem lesenden Anatomen; da ich aber keine medizinische Hausarbeit schreiben will, fasse ich mich relativ kurz, WEISS aber wovon ich schreibe.

Die Knochen eines Wirbeltieres im Mutterleib bestehen aus Knorpelgewebe. Dieses Knorpelgewebe wird nach und nach durch sich steigende Belastung des Körpers aus sich heraus zu Knochengewebe umgebaut. Dabei entsteht auch die Knochenhaut, die das Wachstum des jeweiligen Knochens stark mitbestimmt und mitformt. Diese Knochenhaut bildet eine Manschette, die den einen Knochen ober und unterhalb dieser Manschette wachsen lässt. Irgendwann beginnt aber das eigentliche Ende des (knorpeligen) Knochens auch zu verknöchern und lässt dadurch auf einem Röntgenbild einen Spalt „entstehen“. Nur Knochen lässt sich im Röntgen darstellen, Knorpel nicht.


Dieser nun darstellbare Spalt ist die Wachstumsfuge, sie ist die Stelle, an der Knorpel aufgebaut, abgebaut, zu Knochen umgebaut wird. Diese Fuge ist also nicht "leer" sondern besteht aus Gewebe!

Durch bestimmte Bedingungen, z.B. der Beginn der Ausschüttung von Geschlechtshormonen wird der Beginn des Schlusses der Wachstumsfugen beeinflusst. Das bedeutet aber auch, das der Knorpel in dieser Fuge schon nicht mehr weich ist sondern die Struktur geht hin zu festem Knorpelgewebe, dieses Gewebe wird dann durch Knochengewebe ersetzt, die Fuge schließt sich. Maßgeblich an einem guten Knochenaufbau ist aber eine gute Belastung und Bewegungsanreize. Denn Muskeln, Bänder und Sehnen sind mit dem Knochen durch die Knochenhaut ENGSTENS verbunden.

 

Was bedeutet das nun für die Wirbelkörper, die am längsten brauchen, um die Wachstumsfugen zu verschließen?

Diese Fugen liegen als platte Fläche ober- und unterhalb des Wirbelkörpers, in Bezug zum Pferd, rechts und links des Wirbelkörpers. So, wie sicher eine Wachstumsfuge eines Röhrenknochens gefährdet ist, durch falsche Kräfte zu brechen, ist es kaum möglich, die Wachstumsfugen eines Wirbelkörpers des Pferdes durch falsch eintreffende Kräfte zu belasten. Die Wirbelkörper gehören zu den kurzen Knochen (ossa brevia). Schauen wir uns die umgebende Muskulatur an, die Bänder, die die Wirbelsäule stabilisieren, so werden eher diese Strukturen durch falsche Belastung geschädigt als die Wachstumsfugen der Wirbelkörper.

Fazit: ein Pferd ist Zeit seines Lebens der Gefahr von falscher Belastung ausgesetzt. Überlastung, Unterforderung, alle diese Bewegungsfehler bedeuten etwas für den Körper und seinen Bewegungsapparat.
Von Mensch UND Pferd!

Zu frühe zu starke Belastung ist nie hilfreich, es ist aber deshalb nicht zwingend notwendig, auf den Schluss der Wachstumsfugen der Wirbelsäule zu warten. Die damit verbrachte Zeit kann u.U. eine Belastung durch Unterforderung bedeuten, denn auch die Organe des Pferdes freuen sich über eine fördernde Belastung, um auszureifen und stark zu werden. Altersangemessene Arbeit fördert und fordert den Pferdekörper, seinen Geist und lässt beides reifen!
Wer trabt mit seinem Feld viele Jahre an der Hand querfeldein? Viele Menschen kenne ich nicht, die eine solche Kondition haben. Das wäre aber eine Forderung, um den Bewegungsapparat und die Organe des Pferdes zu kräftigen.

Wichtiger als diese obige Forderung ist in meinen Augen ein lebenslanges „Sorge tragen“ für die angemessene Belastung eines Pferdes vom Fohlenalter bis in das Seniorenalter. Gesundheit erhalten oder wieder herstellen bis zum letzten Atemzug ist die Aufgabe. Das ist mit so vielen Fehlern und Problemen behaftet, da ist die Wachstumsfuge der Wirbelkörper nicht das entscheidende Kriterium für ein gesundes Altern des Pferdes.

Die Wachstumsfugen eines Menschenkindes wären nach dieser Theorie viel größeren Gefahren ausgesetzt. Auch uns ist es wichtig, dass unsere Kinder stark werden, wir schicken sie in den Sport, auf das Muskeln, Sehnen Bänder und Gelenke Belastungsreizen ausgesetzt werden, die den Rücken stärken. Machen wir es mit unseren Pferden ebenso!
Altersangemessen und Wachstumsbegleitend angepasst! Menschenkinder und Pferde danken!

Quellen: Benninghoff: Anatomie des Menschen
Koch/Berg: Lehrbuch der Veterinäranatomie
Gespräche mit Ärzten und Physiotherapeuten

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