Dominanz- was bedeutet dies für das Pferd?

von Ulrike Lohmann (Kommentare: 0)

Eine kleine Geschichte des Wortes „Dominanz“ und was das für das Pferd bedeuten kann

Immer wieder taucht die Frage auf, ob z.B. ein Durchsetzen einer vom Menschen gestellten Aufgabe schon ein Dominanzverhalten dem Pferd gegenüber ist und somit ein Zwingen zu etwas, was es u.U. nicht möchte. Für mich ist es eine Verwirrung der Bedeutungen, denn, das was das Wort bedeutet und wie es heute in der Naturwissenschaft und bei uns in der Laienwelt benutzt wird, macht es sehr schwer, damit umzugehen.

Gehen wir in das alte Rom zurück. Dort herrschte die domina, die Hausherrin, über Heim und Herd. Im Mittelalter gab es den Major domus, der über die Haushaltung des Herrschers und die Einhaltung der Etikette wachte.

Beide hatten eine große Macht und herrschten über die jeweilige Haushaltung und ihre Arbeitskräfte. Sie hatten eine führende Position inne und waren für Erfolg und Misserfolg verantwortlich.

Heute, in den Naturwissenschaften der Biologie, Ökologie etc. wird der Begriff als eben das verwendet, was er ist: Ein Begriff. Er beschreibt, wie sich das Eine zum Anderen verhält. Es enthält keine Wertung sondern beschreibt. Das dominante Weibchen oder Männchen sagt, was getan wird und was nicht, eine dominante Pflanzengattung verdrängt eine andere Gattung, eben weil sie im Moment bessere Vorraussetzungen mitbringt. Ende. Der Naturwissenschaftler nutzt diese Beschreibung, um klar darzustellen, wie die Zusammenhänge sind. So wird das Wort „Dominanz“ auf rein sachlich, beschreibender Ebene genutzt.

Nun sickert dieser Begriff in die Laienwelt, zu der auch ich gehöre, und wird dort mit Emotionen belegt. Dominanz ist plötzlich kein beschreibender Begriff mehr, sondern erhält eine zusätzliche emotionale Bedeutung. Moral und Empfindung kommen dazu, Ansprüche an mich und den Anderen.

Wir kennen den Begriff aus der Welt der Erotik und haben sofort die entsprechenden Bilder im Kopf: Herrsche und Unterwerfe!

Wir denken vielleicht an unsere eigenen ehemals erlebten Familienstrukturen und wollen das weder noch einmal erleben noch weitergeben an die, die wir lieben; Kinder, Partner, Tiere.

Damit beginnt aber nun das Dilemma: Führen will ich aber nicht dominieren, weil die Emotionen und moralisch-ethischen Wertungen mit in's Spiel kommen. Souverän Führen ohne Unterdrückung, das ist das Thema. Das Pferd weiss nicht, das unsere Aufforderung zum Antraben z.B. seiner Gesundheit dient. Es befindet sich im „Effizienzmodus“; ohne die Idee eines Warum kein Antraben, also müssen wir unsere Hilfe deutlicher geben. Der Mensch, der alles tut, um nicht (negativ emotional) zu dominieren kommt nun in die Verlegenheit, Dominanz mit Souveränität zu verwechseln.

Achtung:

Derjenige, der führt, hat zwei Möglichkeiten: Er führt mit ungerechtfertigtem Druck (erdrückende Dominanz) oder er führt aus dem inneren Wissen heraus, das es gut und wichtig für die Gesunderhaltung des Pferdes ist (gelassene Dominanz).

Diese unterschiedliche Geisteshaltung des Menschen hat eine tiefe Bedeutung für das Pferd!

Die Unsicherheit des Menschen, ob er zu stark ist / wird oder bleibt hat Auswirkung auf das Pferd. Dieser Gewissenskonflikt bedeutet, das wir uns nicht klar, eindeutig und souverän dem Pferd gegenüber verhalten. Wir bieten dem Pferd so keine Möglichkeit, Sicherheit und Souveränität bei uns zu finden, an die es sich anlehnen kann, um zu eigener Sicherheit und Souveränität zu gelangen. Es fragt an, es testet aus, was wir denn wollen. Der Mensch läuft nun Gefahr, seine Hilfe zum Antraben unangemessen zu verstärken und gerät immer tiefer in die Schleife von erdrückender Dominanz, die keine innere Freiheit des Anderen mehr zulässt sondern sich einfach nur durchsetzen will. Oder er macht gar nichts mehr, weil er nicht dominieren will.

Dominieren bedeutet aber eben nicht unterdrücken sondern FÜHREN!

Findet das Pferd im Menschen einen unsicheren Anführer, dann kann es ebenso in Unsicherheit geraten oder es versucht, uns zu führen, zu dominieren.

Aus der Sicht des Pferdes ist eine gelassene Dominanz des Menschen, das, was es braucht, um selber losgelassen bleiben zu können. Es kann offen für die Gegenwart und ihre Anforderungen bleiben und braucht nicht auf stressbewältigende Verhaltensmuster zurückzugreifen, indem es Aufgaben und ihre Anforderungen und den Menschen in Frage stellt oder sich verweigert. Natürlich möchte ein Pferd lieber Gras fressen, diesen Vorschlag wird es immer gerne unterbreiten! Das sollten wir ihm auch immer ermöglichen, aber eben ausserhalb der Zeit, die wir brauchen, um uns um sein Wohlergehen zu kümmern. Da gehört ein Training auch dazu!

 

In der Ruhe liegt die Losgelassenheit

Deshalb mein Plädoyer!

Achten wir darauf, gelassen zu führen, weil wir wissen, was unser Ziel ist. Nutzen wir unsere Position nicht, um auszunutzen und jeglichen Ausdruck des Pferdes zu erdrücken sondern, um zu fördern; die Schönheit und Ausdruckskraft des Pferdes auf allen Ebenen!

Führen wir den Begriff wieder auf das zurück, was er im ursprünglichen Sinn bedeutet, kümmern wir uns um unseren Schmerz, den wir durch einengende Lebensumstände erfahren haben.

Kümmern wir uns darum, das sich Pferde frei in Grenzen bewegen können, die sie in Verbindung mit dem Menschen gesetzt bekommen, um bei der ihnen eigenen inneren Ruhe und Souveränität bleiben zu können! Gelassene Dominanz durch den Menschen ist umso viel beglückender für Beide, denn sie führt und lässt individuell folgen!

Der Mensch braucht Klarheit in seiner Führung, dies ist seine Aufgabe und seine Verantwortung dem Pferd gegenüber. Moralische Wertungen, negativ emotionale Erfahrungen gehören da nicht rein. An ihnen können wir lernen und reifen, unsere Pferde benötigen jedoch eine innere Klarheit, an die sie sich lehnen können und die ihnen hilft, in der ihnen eigenen Souveränität zu bleiben!

Woran erkenne ich gelassene Dominanz gegenüber erdrückender Dominanz beim Pferd?

 

  1. Können wir uns unterhalten?
  2. Muss ich Druck stetig verstärken?
  3. Fühle ich mich gelöst und frei im Geist, wenn wir mit der Arbeit fertig sind?
  4. Ist mein Pferd gelöst und frei im Geist, wenn wir mit der Arbeit fertig sind?

 

Wenn diese Fragen beantwortet sind, dann wird deutlich, was einer Veränderung bedarf und was nicht, um es für unsere Pferde zu einem Besseren zu wenden!
Auch für uns ist eine gelassene Führung viel erfreulicher und schöner, denn wir lassen das Pferd so sein wie es IST und haben die innere Freiheit, dies zu akzeptieren und wert zu schätzen. Daraus entsteht Freude am MIteinander und tiefes Vertrauen INeinander!

Achten wir unserer Pferde und führen sie mit innerer Gelassenheit!

Unsere Pferde danken es uns mit Losgelassenheit!

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