Vom "Ja" zum "Nein" eines Pferdes und wieder zurück

von Ulrike Lohmann (Kommentare: 0)

Vom „Ja“ zum „Nein“ eines Pferdes

Häufig treffe ich auf Pferde, die ihrem Menschen und anderen Pferden nur noch ein inneres „Nein“ entgegenbringen können. Diese Pferde sind überall anzutreffen, in Schulbetrieben, im Reitstall, im Offenstall, in der Robusthaltung. Reitweisenübergreifend.
Manchmal strahlen sie es sehr deutlich aus, manchmal wirkt es aus dem Verborgenen heraus, manchmal haben wir es mit daraus deutlich resultierenden negativen Verhaltensweisen zu tun. Immer drückt es eine Not des Tieres aus.
 
Im Grunde sind Pferde als soziale Wesen von Natur aus auf ein „Ja“ gepolt. Viele Dinge im Leben eines Pferdes können passieren oder sind passiert, das am Ende doch ein „Nein“ steht.
 
Bei Schulpferden ist das noch von Jedermann nachzuvollziehen, denn diese Pferde erleben eine Menge. Doch auch hier finden sich Pferde, die weiterhin bei einem „JA“ geblieben sind.
Bei dem eigenen Pferd wird es uns schon unklarer, ob sie überhaupt „Nein“ gesagt haben, innerlich. Wir wünschen uns ein Pferd, im „Ja“. In dieses Ziel investieren wir Herzblut, Zeit und Geld. Dieses Ziel lässt uns aber auch Gefahr laufen, nicht zu erkennen, ab wann unser „Ja“ zu unserem Pferd zu seinem „Nein“ wird.

 

Überforderungen, Unterforderungen,

Lebensumstände die an den Bedürfnissen des Pferdes vorbeigehen, Betriebsblindheit des Menschen, diese Möglichkeiten und viele mehr, die Sie, lieber Leser bei sich erkennen können, lassen das Pferd irgendwann in die innere Emigration gehen. Einige Pferde können mit Widersetzlichkeiten nach Außen gehen, um ihr „Nein“ zu zeigen, andere ziehen sich in sich zurück. Die Vehemenz des „Nein“ zeugt eigentlich nur von der Stärke des früheren „Ja“.
 
Ein „Nein“ entwickelt sich.
 
Der Mensch hat im Grunde seine Aufgabe zu erfüllen, zu erkennen, wo sein Pferd mit dem ersten „Nein“ beginnt. Es erfordert viel Aufmerksamkeit, dem Pferd, aber auch sich selbst gegenüber. Dazu kommt Erfahrung und viel Hintergrundwissen, Flexibilität in den eigenen Handlungen und Zielen, die wir erreichen wollen.

 

Zwei Beispiele:

Ein Pferd wird aus einem Schulbetrieb herausgekauft, meist ein Pferd, welches der Mensch schon kennt und schätzen gelernt hat. Der Mensch sagt „Ja“ zu dem Pferd, das Pferd u.U. erst einmal „Nein“, denn es hat seine Erfahrungen mit menschlichen Reitschülern aller Couleurs gemacht.

Der neue Mensch hat nun die Aufgabe, dieses Pferd wieder zu seinem „Ja“ zu verhelfen. Da gibt es so viele Baustellen: Dinge, die es vorher mit einem unangenehmen Gefühl verbunden hat, im ersten Schritt annehmen zu lernen, im zweiten Schritt mit Vertrauen in das Gute, diese neue Beziehung zu schätzen.

 

Das Vertrauen zurück zu gewinnen, das einst da war, das ist die Herausforderung.
 
Das Pferd kann in einigen Bereichen vielleicht ein Vertrauen aufbauen, in anderen Bereichen nur etwas, in wieder anderen Bereichen vielleicht nie. Der neue Mensch muss lernen, mit diesem Pferd und seinen Lebenserfahrungen, den für Beide besten Weg zu finden. Ohne das Vertrauen auch in sich selbst zu verlieren oder unsicher zu werden.
Meist bringen diese Menschen genug Empathie und Energie mit, um sich dieser Aufgabe zu widmen. Viele Geschichten zeugen von wunderbaren Erfolgen.
Was für ein Erfolg, wenn sich ein „Ja“ beginnt, einzustellen.
Aber, selbst wenn es bei einem „Nein“ seitens des Pferdes bleibt, sind doch immer wieder kleine Geschenke zu entdecken, die das Pferd gibt. Es braucht offene Sinne des Menschen, diese Geschenke zu erkennen und daran anzuknüpfen.

 

Zweites Beispiel:

Ein junges Pferd wird an seine neuen Aufgaben herangeführt. Hier liegt so viel Verantwortung des Menschen für sein Pferd begründet. Tägliche Routine im Handling, „so haben wir das immer gemacht“, „ein Pferd ist wie das andere“, „Heute wollen wir dieses Ziel erreichen“, alles das sind Sätze, die das Pferd und seine Lerngeschwindigkeiten und seine körperlichen Fertigkeiten aus dem Blick verlieren lassen. Es wird nicht als Individuum erkannt und entsprechend behandelt. Die Gründe sind vielfältig: Kein Interesse, Zeitdruck, Unwissenheit, Ungeduld, etc. Der Leser kann sich seine eigenen Gründe noch dazu denken.
Selten ist es böse Absicht, häufig ist es der Mensch, der zu sehr seinen Zielen verhaftet und auf diese konzentriert ist, so das eine Überforderung entsteht. Hält diese an und das Pferd findet keinen Weg, das verständlich zu machen, wird aus der Mitarbeit im „Ja“ eine Arbeit im „Nein“. Der Mensch erarbeitet mit dem Pferd nicht nur die Grundlagen der erfolgreichen Arbeit sondern schafft auch die Grundlagen für eine geistige und emotionale Arbeitseinstellung des Tieres. Das ist die eigentliche Aufgabe, um dem Pferd viel Vertrauen in den Menschen auf seinen Lebensweg mitzugeben.
Da kann dann Weniger Mehr sein, eine schwierig zu lösende Aufgabe, doch nicht am Ende der Einheit gelöst zu haben, sondern sie den Fertigkeiten des Pferdes entsprechend, auf mehrere Einheiten über Tage zu verteilen. Dieses Vertrauen des Pferdes in den Menschen, das Aufgaben immer eine Lösung finden, und nie in Überforderung enden, dieses Vertrauen zu setzen ist ein Meilenstein eines Pferdes hin zu einem guten Leben. Ein Pferd kann gefordert werden, aber nicht überfordert.

 

Nun kommt dieses Pferd

in andere Hände, der neue Mensch kann diese Arbeit fortsetzen, indem er seine Sinne fühlend einsetzt und mit dem Pferd zusammen wächst. Jedes Pferd stellt uns vor neue Herausforderungen, jedes Pferd bringt seine individuellen Einstellungen, Fähigkeiten und Talente mit. Eine Routineausbildung ist da wenig hilfreich. Es bedarf eines ständigen Überdenkens des Trainingsweges. Ein regelmäßiges Kontrollieren von Sattel, Zaumzeug, Zähnen, Hufbalance usw. ist geboten, ABER auch eine Reaktion und Offenheit im Moment. Ein Herunterbrechen nicht des Pferdes, sondern der Lektion in kleinere Teilziele; helfen, zu lernen, zu wachsen, Vertrauen zu schaffen u/o zu erhalten u/o zu vertiefen,
so erhält sich das „Ja“. 
Ein Pferd, das mit “Ja“ arbeitet, kann die gleichen gesteckten Ziele in der gleichen Zeit erreichen, wie das Pferd, das mit „Nein“ arbeitet. Nur den Charme, die berühmte „Pfirsichhaut“, die kann es sich im „Ja” erhalten.
 
„Ja“ oder „Nein“ ist keine Frage des Zufalls sondern eine Frage der Lernerfahrungen und der Verarbeitung derselben.
 
Seien wir achtsam, fühlend, wie wir unseren Pferden ihr Zusammensein mit uns gestalten.
Seien wir flexibel, um unsere Erwartungen an das Pferd, an die momentane Gegebenheit, anzupassen.
Seien wir aufmerksam, das unser „Ja“ zum Tier nicht sein „Nein“ überdeckt.
Finden wir immer den Punkt, mit Freude an der Zusammenarbeit enden zu können, dann ist Losgelassenheit und ein tiefes „JA“ auf beiden Seiten der Schlüssel zu echter Partnerschaft. Reitweisenübegreifend.

 

Achten wir das "JA" unseres Pferdes und erhalten es uns

Zurück

Einen Kommentar schreiben