Was hältst Du fest?

von Ulrike Lohmann (Kommentare: 0)

Was hältst Du fest?

Im Moment kommen ReiterInnen zu mir, deren reiterlicher Stress in den Adduktoren sitzt und dort gespeichert ist. Reiterlicher Stress ist immer auch Lebensstress. Stress mit der Arbeit, in der Partnerschaft, mit dem Selbstwert, mit dem eigenen Ehrgeiz und der damit verbundenen Leistung. Haltungsfehler. Unsere Muskulatur hält bestimmte Lebenserfahrungen fest und speichert sie. Steigen ReiterInnen dann auf das Pferd, wir dieser Stress getriggert und der Reiter lässt die inneren Oberschenkelmuskulatur nicht los und beginnt, zu klemmen. Den gefühlten inneren Druck gibt der Reiter als ausgeübten äusseren Druck an das Pferd weiter. Durch den Sattel direkt auf den Pferderücken. Können ReiterInnen den Druck nicht nachlassen, wird das Pferd direkt damit konfrontiert und reagiert nach seiner individuellen Art.

 

Wo sitzen die Adduktoren des Menschen?


Die Adduktoren sind eine Muskelgruppe, bestehend aus fünf unterschiedlich langen Muskeln, die vom Becken zum Oberschenkel ziehen. Die kurzen Adduktoren enden fast am Hüftgelenk, die längeren ziehen bis hin zum Kniegelenk. Sie alle bewegen und halten das Bein in Richtung Körpermitte, bzw. verhindern, das wir ständig von den äusseren Hüftmuskeln in den Spagat gezogen würden. Die Adduktoren sind ausgesprochen wichtige Muskeln für unseren Stand auf zwei oder auch einem Bein(en).

Sie zählen funktionell zu der hüftumgebenden Muskulatur. Wir benutzen u/o überlasten durch falsche Bewegungen und Körperhaltungen unsere Adduktoren sehr schnell, im Alltag der Reiterei noch mal um so mehr. Es gibt genug Reiter, die aufgrund schmerzender Adduktoren das Reiten aufgeben mussten.

Das Dilemma: ReiterInnen sollten die Funktion der Adduktoren möglichst loslassen, denn sie lassen uns auf dem Pferd klemmen und geben diesen Druck unmittelbar auf den Pferderücken weiter. Der M. trapezius und M. latissimus dorsi des Pferdes sind schon von so manchem klemmenden Schenkel weggeritten worden.
Auch ich erwische mich immer wieder, diese Muskeln viel zu stark einzusetzen, meist dann, wenn ich besonders gut sein möchte. Es endet immer in dem Fehler der Verspannung, wenn ich etwas erzwingen will. Im Leben wie auf dem Pferderücken. Mein Pferd zeigt es mir sofort.

Die Adduktoren haben einen starken Geschlechtsbezug, für Frauen und Männer

Wir Frauen haben aufgrund unserer Erziehung gelernt, das wir mit geschlossenen Beinen durch unser Leben zu gehen haben. Diese Botschaft wurde uns direkt oder auch subtil vermittelt. Sie bedeutet für uns reitende Frauen mehr oder weniger bewusst Stress. Kennt die eine oder andere von Euch die Sprüche, die von der Bande kommen oder gekommen sind, zum Thema der gespreizten Beine reitender Frauen und wünschender Männer…?
Mit einem breitbeinigeren Gang wird heute immer noch unweibliches Gehen verbunden.

Männer, die das innerliche und äussere Strammstehen gelernt haben, oder auch bewusst oder unbewusst das Gefühl haben, sich durchsetzen und behaupten zu müssen, Primus inter pares zu sein, können ebenfalls ein massives Adduktorenproblem entwickeln. Auch Männer haben ihre spezifischen Geschlechtsrollenzuweisungen, die sie meinen, erfüllen zu müssen.
Für alle gilt, jede traumatische Erfahrung kann sich in dabei beteiligten Muskelgruppen festsetzen. Diese werden immer dann gestresst, wenn dieses Erlebnis durch irgendetwas erinnert wird. Auch die damit verbundene Fehlhaltung unseres Körpers über eine lange Zeit, kann zu einem Ungleichgewicht und somit zu Verspannungen in dieser Muskelgruppe führen.

Ihr könnt Euch nun besser vorstellen, was wir alles in unsere Muskeln gespeichert haben, was sie so alles festhalten.

„Sitz schön“, „Zeig Dich nicht“, „Halte fest“, „Da müsst Ihr durch“, „Sei stark/ein Mann/eine Frau“, „Zeig keine Schwäche, dein Pferd wird das ausnutzen“. „Wie sieht es aus, willst Du das Turnier gewinnen, oder nicht“?, etc.

Sitzen wir auf dem Pferd

und es entsteht Stress, von Seiten eines Menschen oder von Seiten des Pferdes, werden wir immer reflektorisch die Beine „dicht“, sprich „zu“ machen, denn wir wollen uns bzw. das Pferd kontrollieren. In diesem reiterlichen Wunsch nach Kontrolle sind IMMER angespannte und in der Folge verspannte Adduktoren beteiligt. Wenn wir die Kontrolle nicht aufgeben wollen oder können, auch wenn das Pferd völlig ruhig und entspannt geht, dann hat das seinen Grund. Diesen Druck geben wir eins zu eins durch den Sattel an das Pferd weiter, das dann seinen Weg damit finden muss…
Dieser Stress sich und das Pferd warum auch immer aber dafür zu jeder Zeit kontrollieren zu müssen, lässt die Muskeln von Mensch und Pferd „dicht“ machen. Ein dichter Muskel ist ein abgeschalteter Muskel, der nicht mehr aus seiner natürlichen Losgelassenheit heraus agieren kann. Ein dichter Muskel muss dann aktiv Kraft einsetzen und verspannt sich.
Verspannte Adduktoren heben uns aus dem Sattel und der Bewegung des Pferdes, wir sitzen nicht mehr so tief, wie wir das wünschen und wollen. Die Losgelassenheit im MITeinander geht flöten und wir wollen mehr und mehr erzwingen und lassen doch immer weniger los. Versteht Ihr den Teufelskreis?

 

Was halten wir nun fest?


Viele negative Lebenserfahrungen bedeuten dichte Muskeln. Wie oben erwähnt haben die Adduktoren einen starken Bezug zu unserem Geschlecht und den damit verbundenen Anforderungen. Falsche Haltungen, Schönheitsideale, soziale Anforderungen, Ehrgeiz, zuviel sportliches, zu wenig mentales Arbeiten an sich, und vieles mehr, lassen jeden Muskel dicht machen und schalten ihn ab.
Wie gesagt, ein abgeschalteter Muskel ist nicht losgelassen, sondern wird nur mit Kraft benutzt. Nicht Anspannung-Entspannung im Wechsel, sondern Anspannung, Anspannung, Anspannung.

Dabei muss das noch nicht einmal körperlich wehtun, aber sobald wir auf uns und unsere Mitte zurückgeworfen werden, wird dieses Muster des Festhaltens und Kompensation abgerufen.
Wir haben gelernt, Druck mit Anspannung zu begegnen, wie soll dann die Anspannung auf dem Pferd in Losgelassenheit gewandelt werden können?

Merke: Diesen Druck, mit dem wir auf dem Pferd sitzen MUSS so gar nichts mit dem Pferd zu tun haben, er kommt häufig genug aus uns selber. Wir sollten diesem Druck jedoch begegnen und ihn lösen. Damit helfen wir auch dem Pferd, denn es muss nicht mehr unseren körperliche und mentalen Druck miterleben und versuchen, seinen Weg zu finden. Wiedersetzlichkeiten, ein verhaltenes Gangbild, Durchgehen seitens des Pferdes sind nur wenige Beispiele.


Losgelassen Reiten

Lassen wir nun mal bewusst mit den Adduktoren los, was passiert dann?


Mach den Test:

Wie ist der Ist-Zustand?
Setz dich auf das Pferd und reite los.
Erst einmal fühle, wie Du auf dem Pferd sitzt, vor allem der Bereich des Beckens und ganz oben am Oberschenkel sind wichtig. Dann fühle Dich Dein Bein entlang bis zum Knie. Nur fühlen, nicht bewerten.

Nun verändere etwas:
Lasse ganz bewusst Deine inneren Oberschenkel los.
Wie? Stell Dir vor, Du sitzt auf einem breiteren Pferderücken als der, auf dem Du im Moment sitzt. Dieser Rücken ist soviel breiter, das Du merken kannst, wie Deine Oberschenkel um gefühlt mindestens 10 cm weiter aussen das Pferd umschliessen wollen.
Das geht nicht mit den oberen Adduktorenmuskeln, die weiten sich. Das Becken kannst Du fühlend von rechts nach links mitweiten, um es Dir noch leichter zu machen. 
Du wirst nun allein auf die Bewegung und die Position Deines Beckens zurückgeworfen.
Das, was wir als Sitzbasis bisher genutzt haben, hast Du Dir selber genommen und kommst in den Bereich des Beckens, in dem der Sitz wirklich stattfindet. Becken und LOSGELASSENE hüftumgebende Muskulatur.
Spüre nun nach, was sich zeigt: vielleicht wird sich ein mentales Unwohlsein einstellen, denn Du reitest nicht mehr in Deinem gewohnten Bewegungsmuster.
Für das Pferd aber kannst Du spüren, wie es sich selber auch im Brustkorb nach aussen weiten kann, seine Atmung wird tiefer und auch für Dich spürbarer, die Bewegungen beginnen, sich zu lösen und größer oder weicher, oder anders zu werden.
Fühle das nach und bewerte nicht.
Schau Dir ganz genau an, was Du fühlst. Unsicherheit? Angst? Eine fester werdende Hand, denn irgendwo muss Kontrolle stattfinden, damit nicht…. passiert?
Lasse nun dieses Weiten sein und beginne wieder, Dein altes Sitzmuster zu betrachten.

 

Wenn Du Dein Gleichgewicht auf dem Pferd neu austarieren kannst,

indem Du beginnst, immer längere Zeit auf dem Becken und somit zwischen Scham und After zu sitzen, dann kannst Du DEIN Gleichgewicht herstellen und die Muskulatur wird Dir losgelassen folgen. Sie wird weich bleiben. Es ist spannend, zu versuchen, nur die Bewegung des Beckens zu fühlen und die Muskulatur nicht zum Halten sondern zum Mitgehen der Pferdebewegungen zu nutzen.

Lass Dir Zeit, dies experimentell zu erfahren, es macht Spass. Je wohler Du Dich mit den losgelassenen Adduktoren fühlst, umso länger kannst Du sie losgelassen am Pferd lassen und seine Bewegungen deutlich spüren. Die Knie kommen in der genau richtigen Höhe an das Pferd und können da ihre Arbeit erledigen. Losgelassen, ohne zu klemmen, wir wollen das ja nicht nur nach unten verschieben, sondern beenden.

Wenn Du loslässt, kann auch Dein Pferd loslassen. Deine Unsicherheit ist Deine Unsicherheit. Nimm sie an die Hand und lasse trotzdem los, dann kann sich Dein Gleichgewicht einstellen, das Dir Sicherheit auf dem Pferderücken gewährt.

Lasse los! Dein Pferd dankt Dir dies mit Losgelassenheit!

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