Tasten wir das Gleiche?

Diese Frage ist schon schwieriger zu beantworten, denn unser Tastsinn ist ebenfalls recht ausgeprägt. Das, was die Fingerkuppen wahrnehmen können, ist weitaus differenzierter als, das, was z.B. unser Oberschenkel wahrnimmt. Klingt komisch, ich weiss, ist aber so. Unsere Fingerkuppen oder auch unsere Wimpern sind sehr, sehr fein in ihrer Fähigkeit, die Umgebung zu ertasten und zu verstehen.

Der Tastsinn des Pferdes

ist dem unseren dennoch weit überlegen.
Wer schon mal das Schmerzmittelpulver aus dem eben noch vollen Futtertrog rausfegen durfte weiss, wovon wir sprechen. Das selektive Suchen nach den richtigen Kräutern auf der Wiese ist ebenfalls ein leicht nachzuvollziehendes Zeichen für den Beobachter. Und doch reagiert das Pferd nicht so sensibel, wenn wir es führen oder reiten. Das ist auch sinnvoll.

Unterschied zw. Schmerz und Tasten.

Der Tastsinn reagiert auf Druck und Luftbewegung. Da sind Pferde Meister. Die Mücke, die sich auf dem Fell niederlässt, wird sofort verscheucht. Der Stein, auf den das Pferd tritt, wird sofort vermieden, um dem Schmerz zu entgehen. Das richtige Tasten des Pferdes geschieht über seine Tasthaare, die sich um das Maul herum finden lasen, ebenso um die Augenpartie. Die Tasthaare enden in den Vibrissen, die dermassen empfindlich sind, das das Pferd sofort erkennen kann, was es fühlt und ob da ein Grashalm vor seiner Nase liegt oder ein dünnes Kabel. Oder, ob das da ein Haferkorn oder ein Krümel Schmerzmittel im Trog ist. Hafer wird gefressen, das feine Maul sortiert das Pulver aus und lässt es für den Menschen übrig.
Soll der sehen, wie er das da aus dem Trog wieder raus kriegt...

Der Huf

Allzu gerne vergessen und doch eines der wichtigsten Fühlorgane ist der Huf! Mit den Hufen begreift das Pferd die Erde, auf der es steht, geht, klettert oder nach einem Sprung aufkommt. Der Boden sagt ihm sofort, wo es sich befindet, der Boden, mit seinen eigenen Bewegungen und Vibrationen vermittelt dem Pferd ebenfalls Eindrücke, über die es seine Welt versteht. Wir Menschen tragen Schuhe, die uns weitestgehend von diesen Informationen abschneiden. Eisen sind der Schuh für das Pferd. Sie schützen es vor zu starker Belastung und Abnutzung, sie schneiden es aber auch von wichtigen Informationen aus seiner Umwelt ab. Deshalb sollte einem Beschlag immer eine sorgfältige Überlegung voraus gehen.
Da gibt es keine gute oder schlechte Entscheidung, sondern nur eine für das Pferd richtige.
Diese richtige Entscheidung ist somit immer individuell auf das jeweilige Pferd abzustimmen und sollte nicht einer Gewohnheit geschuldet sein.
Das "Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht", hat schon vielen Pferden viel Leid gebracht, egal, ob beschlagen oder unbeschlagen.

Die Orientierungsfähigkeit eines Pferdes

im Raum verlangt einen feinen Tastsinn. Wer schon einmal das Antesten eines Stromzaunes beobachtet hat, weiss, wie sensibel ein Pferd auf die Frage nach dem Strom reagiert, es muss den Zaun nicht berühren und weiss doch Bescheid. Die Fliege auf dem Haarkleid wird schnell verscheucht. Dieses meist angeführte Paradebeispiel des feineren Tastsinnseines Pferdes lasse ich aber nicht gelten. Auch der Mensch erkennt schnell, ob eine Fliege irgendwo auf seiner Haut sitzt. Wir haben nicht die passenden Hautmuskeln, um die Fliege zu vertreiben. Dazu nutzen wir unsere Hand. Das ist meiner Meinung nach aber der einzige Unterschied im Umgang mit dem Tastsinn. Das Fühlen der Haut scheint ähnlich, die Lösung jeweils artspezifisch.

Wie der Mensch so hat das Pferd

ebenfalls einen Sinn für Schmerz. Wir wissen nicht, WIE schmerzempfindlich Pferde wirklich sind. Diese Frage ist meiner Meinung nach auch eher akademischer Natur, denn sobald wir es mit einem schmerzfühlenden Wesen zu tun haben, sollten wir darauf achten, das wir nicht Auslöser eines Schmerzes sind und auch seine Umgebung so gestalten, das es keinen Schmerz erfahren muss. Hat es dennoch einen Schmerz erlitten, müssen wir ihn lindern und heilen. Schmerzen dürfen NICHT billigend in Kauf genommen werden, denn auf Dauer machen sie an Körper, Geist und Seele krank!

Dennoch, der Tastsinn als fühlender Sinn für Feines bis Grobes, ist ein anderer Sinn als der Schmerzsinn, es sind andere Verarbeitungen im Körper, die einen Aufschluss geben, ob ein Eindruck schmerzhaft ist oder nicht. Mensch und Pferd können in Bezug zu Schmerz abstumpfen, eine wichtige Eigenschaft, um weiter in der Natur leben zu können. Deshalb können wir nie mit 100 % Genauigkeit sagen, ob ein Pferd schmerzfrei ist oder nicht. Das bedeutet, wir müssen ALLES unternehmen, um möglichst keine Schmerzen zu verursachen!

Mit dem Pferd als fühlendem Wesen

haben wir einen zartfühlenden Partner gewählt. Natürlich kann ein Pferd auch grob einem anderen Pferd gegenüber agieren. Wer aber mal gesehen hat, WIE schnell so ein grober Umgang beendet ist, der kann schnell erkennen, das wir als Menschen eine Grobheit dem Pferd gegenüber in genau dem Moment des Begehens endigen müssen und sie nicht wiederholen dürfen. Denn auch die Sensibilität des inneren Seins von Pferd und Mensch ist davon betroffen!
Ein Aspekt des Tastsinnes, der auch noch zuwenig Beachtung in der Reiterwelt gefunden hat. Das innere Tasten nach dem eigenen Sein und dem Seins des Partners, das zeichnet ein Pferd ebenso aus, wie einen Menschen, der diese Fähigkeit für sich verfeinert!

Was bedeutet dies für das MITeinander?

Bei eaSenses ist es wichtig, ein fühlendes Wahrnehmen des Pferdes zu akzeptieren. Es fühlt Schmerzen, es fühlt den Untergrund, es fühlt die Mücke, den Menschen, es fühlt seine Sozialpartner Pferde.

Auch wir als tastend fühlende Wesen können unsere Herangehensweise an das Pferd auf vielen Ebenen vertiefen!
Weniger Druck mit unserem Körper im Umgang, am Boden auf dem Pferd sind das Gebot eines Reiterlebens!
Ohne einen feinen Umgang können wir uns die Seele eines Pferdes nicht erschliessen, unsere Arbeit mit ihm bleibt Handwerk.
Natürlich stossen wir unter Stress auch an unsere Grenzen, manchmal ist es nötig, hart durchzugreifen, um Gefahr abzuwehren.
Ein SOFORTIGES beenden von Druck spricht aber eine klarere Sprache, die das Pferd sofort und viel besser versteht.
Dafür braucht es wissendes Hinfühlen und einen klaren Geist.

Wissen und Fühlen macht es für unser Pferd besser, denn es wird klar, wo Veränderungen im Umgang zu erfolgen haben!

Die Welt des Fühlens ist für ein Pferd deutlicher greifbar als für uns! Bringen wir sein und unser Fühlen mehr und mehr in Harmonie!