Mit zwei Augen sehen wir alles gleich?

Alle Säugetiere verfügen über Augen, mit denen sie ihre Umwelt sehend wahrnehmen. Diese Augen sind im Prinzip gleich aufgebaut. Sie unterscheiden sich nur in Varianten, die sich durch die unterschiedliche Nutzung entwickelt haben.
Unsere Augen erschliessen uns unsere Umwelt, indem wir Bewegung, Gegenstände und Licht wahrnehmen.

Im Gegensatz zum Pferd ist das Sehen für uns Menschen der wichtigste Sinn. Von all unseren Sinnen ist das Sehen der am höchsten entwickelte. Der Mensch ist ein Augentier, das Pferd eher ein Riechtier, auch wenn das für uns völlig komisch klingt. Für uns Menschen sind die Augen absolut wichtig!
Wir richten Teleskope in entfernte Galaxien und schauen im Mikoskop noch das Kleinste an, um es kennen und verstehen zu lernen. Was für eine Leistung, unser Weltbild mit den Augen zu erfassen, zu erforschen und verstehen zu wollen. Ein Pferd kann mit einem Mikroskop nichts anfangen, es würde nichts erkennen. Das Pferd interessiert sich für die Bewegungen oder den Stillstand in seiner Umgebung, es differenziert nicht so schnell zwischen der Katze oder dem Löwen im Gras. Beim Weiden z.B. beobachtet es unklare Bewegung im Gras mit dem Auge, das dieser Seite zugewandt ist. Dieses eine Auge sieht die Bewegung, hat aber nicht die nötige Tiefenschärfe, um sofort zu erkennen, was sich da bewegt. Das Pferd hebt den Kopf, erfasst und bewertet dann mit beiden Augen, ob diese Bewegung Gefahr bedeutet oder nicht. Mit beiden Augen verfügt es über ausreichend Tiefenschärfe, um zu erkennen, ob ein Löwe oder Nachbars Minka sich gerade nähert und trifft dann seine Entscheidung.
Es kann aber auch sein, das das Pferd eine Bewegung wahrnimmt, erschrickt, rennt, und dann erst aus der Entfernung mit beiden Augen die Gefahr abzuschätzen sucht.
Das Pferd verhält sich anders, weil es diese Sinneswahrnehmung anders erfasst.

Als Jäger hat der Mensch

seine Augen vorne im Gesichtsschädel angeordnet. Somit ist seine optische Wahrnehmung sehr nach vorne ausgerichtet. Dort fixiert er die Beute, bevor er sie erlegt. Ist die Beute hinter ihm, muss er sich umdrehen, um sie fixieren zu können. Hinten haben wir keine Augen, deshalb "droht" uns von da die meiste Gefahr. Hinten ist Unsicherheit, unter Druck haben wir gerne etwas Schutz im Rücken. Manchmal wünschen wir uns einfach Leute, die uns den Rücken frei halten.

Unser Gesichtsfeld beträgt im Gegensatz zum Pferd nur ca. 120°. In diesem Bereich haben wir allerdings eine ausreichende Tiefenwahrnehmung, da wir mit beiden Augen gleichzeitig die Umgebung verstehend betrachten und ein scharfes dreidimensionales Bild mit bester Tiefenschärfe bekommen. Das benötigen wir, um genau zu erkennen, was geschieht.
Um  Bewegungen besser einschätzen und abschätzen zu können, ist es dem menschlichen Augapfel möglich, in viele verschiedene Richtung bewegt zu werden. Das Pferd kann sein Auge nur sehr begrenzt in der Augenhöhle bewegen, da ist ihm der Mensch ihm weit voraus.
Unsere Übersicht können wir durch Augenbewegungen erweitern, oder wir wenden den Hals, sodas ein Sichtfeld von knapp 200° zu überschauen wäre.
Oder wir drehen unseren ganzen Körper und haben dadurch eine Rundumsicht auf unsere Welt.

Das Pferd als Fluchttier

verfügt über ein deutlich weiteres Gesichtsfeld, durch die seitliche Anordnung der Augen am Kopf. Dies ermöglicht ihm einen weiten Sichtradius von fast 360°.Da das Pferd seine jeweilige Seite jedoch nur mit einem Auge wahrnehmen kann, sind die Bilder nicht scharf. Jedes Auge einer Seite erfasst die Umgebung dieser Seite. Recht unklar und schemenhaft, da ein Auge allein keine Tiefenschärfe herstellen kann. Einzig in einem Winkel von ca 50° direkt vor seiner NAse hat ein Pferd immer die nötige scharfe Sicht. Dies hilft ihm, Hindernissen auszuweichen, ohne den Kopf heben zu müssen.

Der Tiger, der sich von rechts anschleicht, wird als schemenhafte Bewegung wahrgenommen, der Hase, der links im Gras mümmelt ebenfalls. Das Pferd muss seinen Kopf heben und der sich nahenden Bewegung zuwenden, um das Bild mit beiden Augen scharf und dreidimensional wahrnehmen zu können. Dann kann es erkennen, ob Gefahr droht oder nicht.
Der Geruchssinnn des Pferdes ist deutlich besser ausgeprägt, denn der Geruch verrät den Jäger eher als seine für das Pferd unscharfe Bewegung. Das Ohr ist ebenfalls sehr hilfreich, wenn es beim Grasen um die hörend abzutastende Erkundung der Umgebung auf Feinde geht.
Ein akustischer Reiz, ein Geruch, Kopf hoch und sehend orten, fixieren, entscheiden - das sind die einander ergänzenden Aufgaben der Sinne des Pferdes.

Gemeinsam und doch einander nicht begreifend

leben Mensch und Pferd u.U. in einem Missverständnis: Der Mensch denkt gerne, das das Pferd die Gefahr gesehen hat und weggesprungen ist. Das muss aber nicht stimmen. Wir interpretieren es so, weil wir es uns nur schwer anders vorstellen können. Das Pferd hat die vermeintliche Gefahr vielleicht eher gerochen, oder gehört, bevor es hinschaut oder wegspringt. Unsere menschliche Fehlinterpretation sorgt für Missverständnisse, wenn wir versuchen, das Pferd davon abzuhalten, sich die vermeintliche Gefahr genau anzusehen. Das entwickelt nur mehr Stress. Ein Tier daran zu hindern, seine Sinne ihrem Sinn gemäss einzusetzen, bedeutet, dieses daran zu hindern, zu verstehen!
Die unsagbare Hyperflexion in der Rreiterei oder auch das an zwei Seiten anbinden gehören dazu.
Ebenso die Tatsache, das gerittene Pferd daran zu hindern, sich Gegenstände anzusehen, einfach, indem die Zügelfäuste immer fester zupacken, um den Kopf still zu halten. Ein Pferd, das die Situation nicht sehend einschätzen darf ist ein unterdrücktes Pferd.
Es bedarf sorgfältiger Vorbereitungen, bis ein Pferd in Wettbewerben vorgestellt, oder auch nur einfach ein gelasenes Geländepferd werden kann. Das bedeutet, nicht nur an den Lektionen zu arbeiten. Es spricht nichts dagegen, dem (jungen) Pferd seine Zeit zu lassen, seine neue Umwelt sehend bewerten zu lernen. Wir können ihm das nicht abnehmen. Seine innere und äussere Ruhe braucht das sehr dringend. Wir wissen, das ein Blumentopf nicht gefährlich ist, das Pferd muss das lernen und das Vertrauen aufbauen, das der Topf auch morgen keine Gefahr darstellen wird. Das braucht manchmal mehr Zeit als wir uns das vorstellen oder wünschen.
Dann haben wir aber ein losgelassenes Pferd, das aus seinem Vertrauen heraus uns vertrauen kann und mit uns durch Dick und Dünn geht!

Der Sehsinn aus der Sicht von eaSenses

Bei eaSenses betrachten wir die Augen noch etwas anders:
Das Pferd und der Mensch nehmen ihre Umwelt sehend wahr, wenn auch in einer anderen Gewichtung.

Beispiel:
Das Pferd erschrickt vor einem Elemück. Welches das sein kann, wissen wir nicht; es erschrickt.
Wir Menschen sehen hin, erkennen es und glauben, erklären zu können, das das Pferd unsere sehende Wahrnehmung eben auch so wahrnimmt. Es hat das Elemück gesehen und sich deshalb erschrocken. Hier liegt der Keim eines echten Missverständnisses. Das Pferd kann ein ganz anderes Elemück mit anderen Sinneseindrücken wahrgenommen haben und hat sich erschrocken, bevor es genauer hingesehen hat.
Das Pferd hat eine Welt rechts und eine Welt links. Diese Art, unsere Welt auf zwei Seiten zu erkennen und EINE Ideee zu erhalten, kennen wir Menschen nicht. Wir können dies auch nicht erfahren, selbst indem wir ein Auge schliessen, bleibt unsere Welt monokular, also nur mit einem Bild für uns wahrnehmbar.

Was bedeutet dies für das MITeinander?

Dem Pferd die Sicht auf seine Welt zu lassen ist unsere Menschen-Pflicht dem Tier gegenüber. Wir schneiden es von seiner Umwelt ab, wenn wir ihm die Möglichkeit nehmen, sie mit freiem Blick wahrzunehmen. Um innere Ruhe zu erhalten und zu fördern, ist es wichtig, dem Pferd Zeit zu lassen, hinzuschauen und zu bewerten. Die Erfahrung lehrt es dann, Ruhe bei dem Anblick eines irgendwie gearteten Elemücks zu bewahren. Wieviel Zeit das Pferd braucht, um diese innere Ruhe aufbauen zu können, ist individuell.
Ebenso gehört es dazu, dem Pferd freie Bewegung zu ermöglichen, in der es seinen Blick in die Ferne und Nähe schweifen lassen kann, wie es nur mit Koppelgang und mit viel Geländetraining möglich ist.
Boxenhaltung, die Arbeit nur in der Halle stumpft das Pferd ab.

Achten wir die unterschiedlichen Welten, in denen wir leben. Wir müssen sie teilen und uns da finden! Dies kann nur in optischer Freiheit für Beide geschehen!

 

 

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Das Auge des Betrachters

Achtet die Augen Eure Pferde